Region Burgenland

Die Tamburica spielt im kulturellen Leben der burgenländischen Kroat/innen eine wichtige Rolle, sie zählt heute zu den typischsten kulturellen Ausdrucksmitteln dieser Volksgruppe. Die Tamburica ist Ausdruck des Lebensgefühls der Burgenländischen Kroaten und ein Mittel, um die Buntheit von Tradition und Brauchtum zu zeigen.

In der Öffentlichkeit gilt die Tamburica als das typische Volksmusikinstrument der burgenländischen Kroat/innen, ihre Geschichte im Burgenland beginnt aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Davor waren die Träger der kroatischen Musikkultur im Burgenland über lange Zeit vor allem die Gesangsvereine. Durch Chöre wurde das Lied- und Sprachgut tradiert. Die Geige, der Bass und das Zimbal waren jene Instrumente, die vor allem bei Tanzveranstaltungen eingesetzt wurden. Zusätzlich zu den genannten Instrumenten erfreute sich auch der Dudelsack regen Zuspruchs.

Der Begriff Tamburica ist mehrfach bestimmt und steht als Synonym für die einzelnen Instrumente aber auch für die Musikgruppe bzw. das Ensemble per se. Darüber hinaus kann unter ‚Tamburica’ ein bestimmter musikalischer Stil bzw. ein bestimmtes Genre verstanden werden; ein Synonym für die Art der Musik der Kroaten.

Das Instrument: Die Tamburica

Die Geschichte

Die Tambura oder Tamburica (Verkleinerungsform) ist eine Langhalslaute mit meist bauchigem, kleinem Resonanzkörper, einem langen Hals mit Bünden und einem fast immer doppelchörigen Bezug von 2-8 Stahlsaiten. Man kann das Instrument entweder mit den Fingern oder mit einem Plektron zupfen. Die Tamburica gibt es in verschiedenen Größen und unterschiedlicher Saitenanzahl. Die Tamburica gehört zu der Gruppe der Chordophone – Instrumente, bei denen der Ton durch Vibration von Saiten entsteht – und ist eine Langhalslaute mit Bünden. Die Bezeichnung „Laute“ kommt vom arabischen al-ud und heißt das Holz. Die wichtigsten Unterschiede der einzelnen Instrumente bestehen im Längenverhältnis von Korpus und Hals, in der Form der Rückseite, der Anzahl der Saiten und der Griffbrettart.

Die erste Erwähnung einer Lautenart findet man im Kulturraum Mesopotamiens im 2. Jahrtausend v. Chr., um 1500 v. Chr. waren sie in Ägypten bekannt. An einzelnen Darstellungen kann man bereits verschiedene Formen und Größen des Instrumentes erkennen. Im antiken Griechenland wurde für diese Instrumente der Begriff „p(h)andoura“ bzw. „pandora“ verwendet, in mittelalterlichen Dokumenten findet man sie unter den Begriffen „tanbur“ (arabisch) oder „tunbur“ (persisch) wieder. Die kurzhalsige Laute wurde von den Arabern nach Spanien und nach Süditalien gebracht. Aus ihr entwickelte sich in Spanien die „Gitarre“ und in Italien die „Mandoline“. In Russland entwickelte sich die “Balalaika“, ein Instrument mit einem charakteristischen dreieckigen Korpus. In der Ukraine entstand die „Bandura“. Zu der Familie der Langhalslauten zählt man weiters die „Domra“, die „Colascione“, aber auch „Rabab“ und „Fiedel“. Weitere verwandte Instrumentengattungen sind die griechische „Uti“ und „Busuki“, der türkische „Saz“ und „Tar“, die rumänische „Kobaza“, das japanische „Gekkin“ u.v.m.

Ursprünglich fand die Tamburica in Bosnien, Mazedonien und im Kosovo ihre „neue Heimat“ am Balkan. Die älteste Form der Verwendung der Tamburica ist bis heute bei den Muslimen, als „šagarija“ und „saz“ in Bosnien, „samica“ oder „dangubica“ in Lika, Slawonien und der Vojvodina, erhalten geblieben. Die zahlreichen Bevölkerungsbewegungen der verschiedenen Volksgruppen trugen dazu bei, dass „Prototypen“ der Tamburica nach Slawonien, Dalmatien und Kroatien gelangten. In diesen Gegenden wuchs das Instrument schnell zu einem musikalischen Idiom. In den ersten schriftlichen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1762, in denen der Begriff Tamburica explizit aufscheint, ist jedoch keine nähere Spezifikation der Art und Anzahl der Instrumente vorgenommen worden. Im 18. und 19. Jahrhundert war der Bekanntheitsgrad der Tamburica in Kroatien und Dalmatien schon sehr hoch. Die oftmaligen Erwähnungen in den „narodna književnost“ (Liederbücher) können als Beweis dafür angeführt werden.

Am Ende des 18. Jahrhunderts bzw. zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden bei den ethnischen Gruppen der Bunjevci, Šokci und Serben die ersten Tamburicagruppen nach dem Vorbild der Zigeunerkapellen gegründet. Analog den einzelnen Instrumenten der Zigeunerkapellen (Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Zymbalon) wurden die entsprechenden Tamburicatypen – z.B. Berde, Bugarija, Bisernica – geformt. Die erste dokumentierte Gründung einer Tamburicakapelle fand im Jahr 1847 durch Pajo Kolarić (1821-1876) in Osijek, dem damaligen Verwaltungssitz der kroatischen Provinz Slawonien, statt. Neben Lisinsko, Livadić und Rusan zählte er zu den berühmtesten illyrischen Musikern und Tamburicavirtuosen seiner Zeit. Das Orchester, für welches er 11 Lieder komponiert hatte, bestand aus sechs Semi-Amateurmusikern. Ihre rege und umfangreiche Tourneetätigkeit hat viel zur Verbreitung der Tamburica als Begleitinstrument beigetragen. Als erster slawischer Ethnomusikologe kann Franjo Kuhač (1833-1911) angeführt werden. Nachdem er aufgrund der für ihn ungünstigen politischen Situation aus Osijek fliehen musste, absolvierte er in Budapest, Leipzig, Weimar und Wien seine musikalische Ausbildung. Zurückgekehrt nach Osijek, begann er unter dem Einfluss von Kolarić die Tamburicamusik wissenschaftlich zu erforschen.

Im Jahre 1882 wurde durch Mijo Majer (1863-1915), einem Schüler von Kolarić, ein Tamburicaensemble als Teil der „Hrvatska lira“ (Kroatische Lyra – Singverein) in Zagreb gegründet. Dieses Orchester, das sich vorwiegend aus Studenten zusammensetzte, war das erste Ensemble, welches durch einen Dirigenten geführt wurde. 1883 gab die Gruppe, bestehend aus 12 Musikern, ihr erstes Konzert in Zagreb, welches ein fulminanter Erfolg wurde. Basierend auf diesem Erfolg wuchs das Interesse an der Tamburica in Kroatien, Bosnien, Dalmatien, der Herzegovina und Istrien. Aber auch in anderen Ländern wie Österreich, Deutschland, Slowakei, Belgien, Holland und auch Amerika fand man gegen Ende des 19. Jahrhunderts erstmals Interesse an der Tamburica. Aus Aufzeichnungen aus dem Jahr 1880 ist ersichtlich, dass die Art der Zusammensetzung der Ensembles (2 Bisernica, 3 Brač, 3 Bugarija, 1 Berde) bald eine gewisse Regelmäßigkeit erfuhr und sich auch von der heutigen Besetzung einer Gruppe nicht maßgeblich unterscheidet. Zur selben Zeit formierten sich in Italien die ersten Mandolinenorchester und in Russland die ersten Balalaikaorchester. In der Folge entstanden anspruchsvolle Kompositionen für Tamburica-, Mandolinen- und Balalaikaorchester.

Pera Ilič (1868-1957) ermöglichte durch die Einführung von gebündeten Instrumenten, auf denen auch Halbtonschritte gespielt werden konnten, ein besseres Zusammenspiel von Melodie- und Rhythmusinstrumenten. Als Folge dieser Konstruktionsvariation entwickelte sich das „Srijemski-System“. In den Jahren nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges erfuhr die Tamburica einen bis dato unbekannten Höhenflug. Neben den traditionellen Zentren in Osijek, Zagreb und Novi Sad wurden auch in Amerika und in Australien ausgezeichnete Orchester gegründet. Neben den schon erwähnten Kolarić, Kuhač und Majer sind Marko Nešić, Ivan Zajic, Josip Andrić, Julije Njikoš, Božo und Zlatko Potočnik u.v.m. als herausragende Persönlichkeiten und Komponisten im Bereich der Tamburicamusik zu nennen. Ein Tamburica-Ensemble besteht grundsätzlich aus unterschiedlichen Instrumententypen, welche im Folgenden kurz skizziert werden.

Die unterschiedlichen Systeme

Die Bisernica (I, II und III) ist das höchste Melodieinstrument und entspricht etwa der Geige. Der Tonumfang dieser Instrumente beträgt – unabhängig von den verschiedenen Systemen – zirka 2 bis 2 1/2 Oktaven. Die Stimmung der Instrumente liegt im ein- bis zweigestrichenen Oktavraum. Bedingt durch den kurzen Instrumentenhals und die straff gespannten Saiten hat die Bisernica den härtesten Klang.
 
Der Brač (I, II und III) stellt eine weitere Melodieinstrumentengruppe dar. Der Tonumfang ist dem der Bisernica adäquat, die Stimmung ist jedoch um eine Oktave tiefer. Durch die längeren Saiten hat der Brač ein etwas weicheres Klangbild.
 
Der Čelović kann als tiefstes Melodieinstrument im Tamburicaorchester angesehen werden. Die Stimmung dieses Instrumentes liegt im Tonbereich der großen bzw. kleinen Oktave.
 
Die Bugarija (bugarin – Bänkelsänger, bugariti – klagen, wehklagen) hat im Tamburicaorchester die Funktion des Rhythmusinstrumentes und wird in Akkorden gespielt.
 
Die Funktion und Stimmung des Čelos im Tamburicaorchester entspricht dem Cello in einem Streicherensemble.
 
Die Berde stellt den Bass in einem Tamburicaorchester dar. Die Stimmung dieses Instrumentes liegt im Tonbereich der Sub- bzw. großen Oktave. Im Gegensatz zu den oben erwähnten Instrumenten, welche mit einem Plektron gespielt werden, werden die Berde und das Čelo mit einem Lederfleck oder aber auch mit dem Daumen zum Klingen gebracht.
 

Grundsätzlich kann zwischen 3 Systemen unterschieden werden:

Das Četveroglasni kvartni sustav – Vierchöriges Quartensystem entstand, ausgehend vom dreichörigen Quartensystem, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Bačka und in Srijem. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff „Srijemski-Sistem“ oder „Srijemski štim“ verwendet. Bei Instrumenten dieses Systems handelt es sich um vierchörige chromatische Instrumente mit 5 oder 6 Saiten.

Das Troglasni kvintni sustav – Drei(doppel)chöriges Quintensystem – begann sich Ende des 19. Jahrhunderts Anfang des 20. Jahrhunderts, zur gleichen Zeit wie das dreichörige Quartensystem, zu entwickeln. Erst um 1940 war es ausgereift. Aufgrund der intensiven Verwendung dieses dreichörigen Quintensystems durch Slavko Janković wird im allgemeinen Sprachgebrauch auch der Terminus „Janković-Sistem“ verwendet.

Das Dvoglasni kvintni sustav – Zweichöriges Quintensystem – ist eines der ältesten Systeme und wird nach seinem Mentor Milutin Farkaš auch als „Farkaš-Sistem“ bezeichnet.

Die Musik der burgenländischen Kroat/innen artikuliert sich heutzutage fast ausschließlich durch die Tamburicamusik. In der Öffentlichkeit gilt die Tamburica als das typische Volksmusikinstrument der burgenländischen Kroat/innen im Burgenland.

Die Geschichte der Tamburica im Burgenland begann im Jahr 1923. Die Intention, eine Tamburicagruppe im Burgenland zu gründen, war von den Studenten und Mitgliedern des Kroatischen Kulturvereines in Wien, Mate Ferzin, Lorenz Karall und Rudolf Klaudusz ausgegangen, welche gute Kontakte zu dem südkroatischen Verein Prosvjeta in Wien (Herbst 1922) hatten. Nachdem die Studenten die Instrumente von Wien ins Burgenland brachten und vorstellten, wurde die erste Tamburicagruppe in Baumgarten durch den damaligen Schuldirektor Slavko Marhold gegründet. Die musikalische Ausbildung übernahm der aus Dalmatien stammende Musikstudent Klement „Klemo“ Visković. In den folgenden Jahren trat die Tamburica bei den verschiedensten Veranstaltungen – Fahnenweihen, musikalische Umrahmung von Theaterstücken u.a.m. – auf.

Als nächstes folgte die Gründung eines Tamburicaensembles durch Schüler des Schulvereines „Kolo“ und Studenten in Wien. Ermöglicht wurde dies durch ein Geschenk aus Zagreb anlässlich der 400 Jahr Feier der burgenländischen Kroat/innen, welches aus 35 Instrumenten und 2.000 Büchern bestand. Im Sommer des Jahres 1932 startete die Gruppe eine erste Konzertreise, die sie in mehrere Dörfer des Burgenlandes – Schachendorf, Dürnbach, Schandorf, Weiden bei Rechnitz und Spitzzicken – führte. Zurückzuführen auf diese Tournee ist die Gründung der Tamburicagruppen in Neuberg durch den Priesterdichter I. Horvath, in Trausdorf durch den Schuldirektor A. Kuzmich im Jahr 1934, in Oslip durch den Lehrer Ivan Gmas 1935 und in Unterpullendorf durch den Schuldirektor A. Csenar im Jahr 1936. Im Jahr 1938 fand die Tätigkeit der verschiedenen Tamburicagruppen und teilweise der Chöre ein jähes Ende, da alle aufgelöst und die Instrumente beschlagnahmt oder zerstört wurden.

Nach Beendigung des 2. Weltkrieges wurde die Tamburica in Unterpullendorf von A. Csenar wieder reaktiviert. Die Gründung der Tamburicagruppe Unterpullendorf erfolgte in den Jahren 1945/46. In Wien formierte sich im Jahr 1946 um Feri Sučić ein Tamburicaensemble. Im Repertoire dieser Gruppe fand man neben den typischen traditionellen Volksliedern auch volkstümliche Lieder mit modernem Rhythmus. 1948 wurden die Tamburicavereine in Frankenau und Kleinwarasdorf, im Jahr 1958 in Nikitsch gegründet.

Die erste Volkstanzgruppe wurde ebenfalls in Unterpullendorf, und zwar durch Ana Sučić im Jahr 1951 gegründet; aus dieser ging später die Folkloregruppe „Krug Miloradić“ hervor. Die ersten Auftritte außerhalb des Burgenlandes hatte diese Folkloretanzgruppe in Salzburg und in Linz. Im nördlichen Burgenland wurde die erste gemischte Tamburicagruppe (zum ersten Mal spielten auch Frauen in einem Tamburicaorchester) von Feri Sučić in Klingenbach im Jahr 1957 ins Leben gerufen. Es folgten Gründungen in den kroatischen Ortschaften Trausdorf durch Adalbert Kuzmich im Jahr 1959 und Steinbrunn durch Jakob Dobrovich im Jahr 1960. In dieser „Pionierzeit“ war die Tamburica ein noch relativ unbekanntes Instrument.

Der Popularitätsgewinn der Tamburica in dieser Zeit ist darauf zurückzuführen, dass ab dem Jahr 1959 begonnen wurde, an Volksschulen des Burgenlandes (Unterpullendorf, Kroatisch Geresdorf, Nebersdorf, Nikitsch, Großwarasdorf, Steinbrunn, u.v.m.) Tamburica zu lehren und Gruppen zu formieren. Durch die Reorganisation des Schulwesens im Jahr 1962 wurde dies jedoch wieder gestoppt. Im Bereich der Aus- und Fortbildung der Dirigenten und Musiker müssen vor allem zwei Namen genannt werden. Zu Beginn der 60er Jahre begann Prof. Slavko Janković Tamburicaseminare in Crikvenica/Kroatien abzuhalten. Ziel war es, den Leitern und Lehrern Kenntnis des Instrumentes, genügend Spielpraxis und das Know How der Orchestrierung zu vermitteln. Weiters muss Prof. Dragan Raljušić erwähnt werden, der einerseits sein Wissen durch intensive Probenarbeit mit den verschiedenen Ensembles (Güttenbach, Neuberg, Parndorf) weitergab, andererseits durch unzählige Kompositionen und Arrangements zur Vielfalt der Repertoires der einzelnen Gruppen maßgeblich beitrug.

Im selben Atemzug müssen aber auch Feri Sučić, Jakob Drobrovich und Hansi Probst erwähnt werden. Am bekanntesten sind die Liederhefte „Zbirke“ / „Sammlungen“ von Feri Sučić, der seit 1948 sechs Bände mit unzähligen Transkriptionen, Überarbeitungen und natürlich auch Eigenkompositionen herausgegeben hat. 1968 hat Jakob Dobrovich sein Liederheft „Prva naša zbirka“ mit 43 für Tamburica überarbeiteten Liedern publiziert. Im Jahr 1980 wurde durch Hansi Probst ein weiteres Liederbuch herausgebracht. Die zahlreich publizierten Liederhefte hatten maßgeblichen Anteil an der Verbreitung der Musik der burgenländischen Kroat/innen bei den Kroat/innen selbst, aber auch bei der deutschsprachigen Bevölkerung.

Die Kroaten sind eine jener Volksgruppen, die die Multikulturalität und Vielfalt des Burgenlandes mitprägen. Neben den Slowaken, Tschechen, Roma, Kärntner Slowenen und burgenländischen Ungarn sind die burgenländischen Kroat/innen – Gradišćanski Hrvati – eine weitere autochthone und gleichzeitig die größte Volksgruppe Österreichs.

Mit Beginn des 16. Jahrhunderts – 1515 erste urkundliche Erwähnung von Kroaten in der Herrschaft Eisenstadt – begann die Ansiedelung der Kroat/innen in den Gebieten Westungarn (das Gebiet zwischen Raab und Kleinen Karpaten) und dem östlichen Niederösterreich (das Gebiet zwischen Leitha und Thaya), die aufgrund von lang anhaltenden Agrarkrisen, Krankheiten, Türkenkriegen und des Abwanderns der Landbevölkerung in die Städte gänzlich entvölkert waren. Unzählige Lehen waren unbestiftet und sehr viele Ortschaften verödet. Die Auswanderungsgebiete lagen in Slawonien, Hochkroatien, Dalmatien und dem dalmatinischen Hinterland, die ihrerseits von ständigen Raubzügen und Türkeneinfällen gezeichnet waren. Die Flucht vor dieser ständigen Bedrohung kann als Hauptgrund für die Abwanderung genannt werden. Zusätzlich fanden, teilweise auch aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus, organisierte Umsiedelungen statt.

Die in mehreren Wellen bis 1584 angesiedelten Kroat/innen machten ca. 30 Prozent der Landbevölkerung aus. Ein Großteil der Einwanderer stammte aus der bäuerlichen Bevölkerungsschicht. Aber auch Adelige, vorwiegend Kleinadelige, und Priester, kaum aber Händler und Handwerker waren Teil dieser Umsiedelungsbewegung. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Weinbau und Weinhandel, Getreideanbau und Viehzucht jahrhundertelang die wirtschaftliche Grundlage der burgenländischen Kroat/innen bildeten.

Das 19. Jahrhundert ist durch die Assimilation der kroatischen Bevölkerung in den Gebieten Niederösterreichs und der Slowakei gekennzeichnet. Die burgenländischen Kroat/innen fielen nach der Gründung der Österreichisch-Ungarischen Monarchie unter ungarische Verwaltung. Die liberale Politik der Verwaltungskörperschaften trug maßgeblich zum Erhalt der kroatischen Sprache bei. Die kollektiven Rechte der Sprachgruppen in Österreich waren im Staatsgrundgesetz aus dem Jahr 1867 verankert. Durch das ungarische Reichsvolksschulgesetz aus dem Jahr 1868 war die Autonomie der lokalen Schulen in Fragen der Unterrichtssprache gewährleistet. Im 19. Jahrhundert setzte eine Abwanderungsbewegung aus dem Burgenland in die Industriegebiete nach Wien, Graz und in das Wiener Becken ein. Zusätzlich setzte zu dieser Zeit auch eine massive Auswanderungswelle in die USA, vor allem in das Gebiet um die Stadt Chicago, ein.

Im Jahr 1919 wurden zwei für die burgenländischen Kroat/innen wichtige Staatsverträge abgeschlossen. Der Staatsvertrag von St. Germain beinhaltete essentielle Minderheitenschutzbestimmungen, im Staatsvertrag von Trianon verpflichtete sich Ungarn zur Abtretung Westungarns an die Republik Österreich. Aufgrund der Volksabstimmung des Jahres 1921 erfolgte die Angliederung des Großteils der burgenländisch-kroatischen Siedlungsgebiete an Österreich, nur kleinere Teile kamen zu Ungarn. Im Jahre 1923 wurde die erste Volkszählung der Ersten Republik durchgeführt, die als Ergebnis einen Anteil von 42.011 burgenländischen Kroat/innen auswies. Im Jahr 1926 wurde Deutsch als einzige Landessprache durch die Burgenländische Landesverfassung festgeschrieben, Ungarisch und Kroatisch blieben zwar Verkehrssprachen, wurden aber auf Landesebene nicht als Amtssprache anerkannt. In diese Dekade fallen auch die Gründung der Zeitung „Hrvatske Novine“ in Wien im Jahr 1923, wie auch die Wiedergründung der kroatischen Organisation „Hrvatsko kulturno društvo / Kroatischer Kulturverein“ im Jahr 1929.

Letztere Errungenschaften wurden durch die Politik des Nationalsozialismus jedoch wieder zunichte gemacht. Im Laufe der NS-Herrschaft verschärften sich die Maßnahmen, die das Schul- und Unterrichtswesen betrafen, kroatische Vereine wurden verboten bzw. aufgelöst. 1941 konnte durch die burgenländischen Parteistellen ein NS-Umsiedlungsplan für die burgenländischen Kroaten vereitelt werden. In der Zeit von 1938 – 1945 wurde auch ein starker Assimilierungsdruck auf die burgenländischen Kroat/innen von Seiten des NS-Regimes ausgeübt. Durch die Wiedereinrichtung der Republik Österreich im Jahr 1945 war die Inkraftsetzung des Minderheitenschulgesetzes von 1937 wieder gegeben. Die Dekade von 1945 bis 1955 war gekennzeichnet von Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen der diversen Organisationen und Personengruppen der burgenländischen Kroat/innen.

Im Jahr 1951 wurde die erste Volkszählung der Zweiten Republik durchgeführt. Der bis dato rückläufige Trend manifestierte sich auch im Ergebnis dieser Erhebung. Der Anteil der kroatischen Bevölkerung an der Landesbevölkerung war auf 30.599 Personen gesunken. Im Jahre 1955 wurde der Österreichische Staatsvertrag zwischen den Alliierten und Österreich unterzeichnet, durch welchen – im besonderen im Artikel 7 – die individuellen und kollektiven Minderheitenrechte geregelt werden und darüber hinaus eine Gleichstellung der slowenischen und kroatischen Minderheiten mit den österreichischen StaatsbürgerInnen bewirkte. Dies beinhaltet in erster Linie das Recht auf die eigenen Sprachen der Minderheiten, Organisationen, Versammlungen und Presse.

Trotz dieser Zugeständnisse durch den Staat setzte sich die Verringerung des Anteiles der Kroat/innen an der burgenländischen Bevölkerung weiter fort. Ein Grund dafür war in der wachsenden Industrialisierung und dem starken Pendleraufkommen zu finden. 1971 machte die kroatische Volksgruppe nur noch 9 Prozent der burgenländischen Gesamtbevölkerung aus.

In den 90er Jahren konnten vor allem im Medienbereich durch die Einführung kroatischer Radiosendungen und kroatischer Fernsehsendungen im Regionalprogramm des ORF sowie im Schulwesen durch den Schulversuch „Pannonisches Gymnasium“ in Oberpullendorf und die Eröffnung des Zweisprachigen Bundesgymnasiums Oberwart Erfolge erzielt werden. Auch in den verschiedenen Kunst- und Kultursparten konnte ein Aufwärtstrend verzeichnet werden.

Trausdorf an der Wulka ist eine kleine und charmante Gemeinde in der Wulkaebene und liegt an den Ausläufern des Leithagebirges unweit des Neusiedler Sees. Trausdorf ist eine jener burgenländischen Gemeinden, in der die Kroaten vor einigen Jahrhunderten sesshaft wurden.

Das kulturelle Erscheinungsbild der Gemeinde prägen vor allem Brauchtum und Tradition dieser Volksgruppe. Aber auch der Weinbau, der insbesondere durch das pannonische Klima bevorzugt ist, hat eine lange Geschichte in Trausdorf.Trausdorf liegt im nördlichen Burgenland und befindet sich etwa 5 Kilometer südöstlich der Landeshauptstadt Eisenstadt. Der Neusiedler See ist etwa 10 Kilometer entfernt, die Entfernung nach Sopron (Ungarn) beträgt etwa 25 Kilometer. In Trausdorf leben heute etwa 1730 Personen, wovon nahezu die Hälfte noch die kroatische Umgangssprache spricht. Die erstmalige urkundliche Erwähnung des Ortes als „Durug“ stammt aus dem Jahre 1307. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts war Trausdorf im Besitz der Familie Gutkeled. In den Jahren danach wurde Trausdorf von den Mattersdorfer Grafen beherrscht. Als Trausdorf dann an König Sigismund zurückfiel, schenkte dieser die Besitzungen Ladislaus Kaniszai. Da es darauf mit den „Forchtensteinern“ zu Streitereien kam, wurden die strittigen Besitztümer diesen zugesprochen. Die Türkenkriege von 1529 und 1532 brachten Tod und Zerstörung über die Ortschaft. Die verwüsteten Besitztümer wurden mit Kroaten nachbesiedelt. Nach den Urbaren von 1569 und 1580 war Trausdorf ein mehrheitlich kroatisch besiedelter Ort, der unter den Herrschaften von Eisenstadt und Forchtenstein aufgeteilt war.

Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts prägte die Familie Esterházy die Geschichte dieser Region. Der Erste und der Zweite Weltkrieg hatten in der Gemeinde viele Spuren hinterlassen. Es erfolgten zahlreiche Plünderungen durch die Besatzer, aber auch durch die Ostarbeiter. Der Flugplatz diente damals den Russen als Stützpunkt. 1948 war die Wiederherstellung der zerstörten Häuser abgeschlossen und die Modernisierung der kommunalen Infrastruktur konnte beginnen.

Heute präsentiert sich Trausdorf mit seinen Hofgassen und Häusern mit weißgekalkten Giebelfassaden als eine typische burgenländisch-kroatische Gemeinde. Prägend für das Ortsbild sind die spätbarocke Pfarrkirche (1767) mit Rokokograbsteinen, die Pestsäule (1680) und die Dreifaltigkeitssäule (1838) sowie das sogenannte Papstkreuz, das anlässlich des Besuchs Papst Johannes Paul II im Jahr 1988 errichtet wurde.

www.trausdorf-wulka.gv.at

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